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Ergebnisse der Untersuchung "Junge Elternschaft und Wissenschaftskarriere" auf der Datenbasis für die Universitäten in Nordrhein-Westfalen

Ausgangspunkt der Untersuchung bildete das Spannungsverhältnis zwischen Elternschaft und wissenschaftlicher Karriere sowie Überlegungen zur ‚Kinderfreundlichkeit’ der Institution Hochschule. [1]

Die Universitäten verfügen über eine eigene Personalhierarchie und spezifische Beschäftigungsverhältnisse. Die interessierende Frage war, welche Rolle die konkreten Arbeits- und Qualifizierungsbedingungen sowie die Partnerschaftsbeziehungen für die Entscheidung zur Elternschaft bzw. Kinderlosigkeit spielen. Diese Frage wurde für die Statusgruppen des wissenschaftlichen Mittelbaus und der Professuren an den 22 Universitäten von NRW untersucht.

Die öffentliche Debatte zur Kinderlosigkeit veranlasste unsere Forschung weitaus weniger als die Frage, inwiefern wissenschaftliche Karriere und Elternschaft in einem System zu vereinbaren sind, das keine strikte Unterscheidung zwischen der Lebenszeit in Arbeits- und Freizeit oder gar Familienzeit kennt, sondern dazu tendiert, die ganze Person für die Wissenschaft zu beanspruchen. Den theoretischen Rahmen bildet daher ein Lebenswelt- und Lebenslaufansatz für die individuumszentrierte Perspektive und das Konzept der asymmetrischen Geschlechterkultur für die institutionelle Perspektive.

Die längere Verweildauer im Bildungssystem und die biologisch begrenzte Zeitspanne für Mutterschaft haben dazu geführt, dass die berufliche Stabilisierungsphase und die Familiengründung (Entscheidung für Kinder) in dieselbe Lebensspanne (‚Rush Hour des Lebens’) fallen und vor allem den Wissenschaftlerinnen, zunehmend aber auch den Wissenschaftlern einen Spagat zwischen ihrer wissenschaftlichen Arbeit und dem Zusammenleben mit Kindern abverlangen.

Die Auswertung der strukturellen Beschäftigungsdaten für das wissenschaftliche Personal insgesamt begründet die folgenden Aussagen zum Verhältnis von Elternschaft und wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen. Diese können für die Personalentwicklung der Hochschulen und die Neutarierung der Work Life Balance von großer Bedeutung sein.

Die Basis der Untersuchung für NRW bildeten die Personalstandsdaten des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik (LDS) sowie des Landesamtes für Besoldung und Versorgung (LBV) für die Jahre 1994 und 2004. In absoluten Zahlen waren dies für den akademischen Mittelbau im Jahr 2004 insgesamt 22.051, im Jahr 1994 insgesamt 17.678 Personen.

Wichtige Ergebnisse der Untersuchung zum wissenschaftlichen Mittelbau in NRW

Im Jahr 2004 hatten drei Viertel der Wissenschaftler/innen (78% der Frauen und 72 % der Männer) im wissenschaftlichen Mittelbau keine Kinder. [2]

Dabei ist der Anteil der Kinderlosen im untersuchten Zeitraum insgesamt um 4,1 % gestiegen:

  • der kinderlosen Wissenschaftler um 5,0 %
  • der kinderlosen Wissenschaftlerinnen konstant geblieben bzw. um 0,7 % gesunken.

Somit ist von einer erhöhten Kinderlosigkeit vorwiegend bei den männlichen Wissenschaftlern und einer „Angleichung“ der Geschlechter auszugehen.Diese hohe Kinderlosigkeit der Wissenschaftler/innen im Mittelbau steht in Zusammenhang mit den prekären hochschulischen Beschäftigungsbedingungen und -entwicklungen.

  • Der Anteil der Beschäftigten im wissenschaftlichen Mittelbau hat im Untersuchungszeitraum zwar um ein Viertel zugenommen, wobei die Steigerungsrate der Wissenschaftlerinnen um 69 % ein Mehrfaches der Steigerung bei den Wissenschaftlern beträgt (11 %).
  • Der erhöhten Gesamtzahl der Beschäftigten entspricht jedoch nicht eine gleich große Stellenausweitung, da auch die Teilzeitbeschäftigung (um ein Drittel) zugenommen hat.
  • Die Anzahl der C1-Stellen (explizit für den wissenschaftlichen Nachwuchs vorgesehen) ist dagegen im selben Zeitraum um 198 Stellen (13%) zurückgegangen (von 1.489 auf 1.291). Dies hat die Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs beeinträchtigt.
  • Auch wenn im Jahr 2004 deutlich mehr Frauen im wissenschaftlichen Mittelbau beschäftigt waren als 1994, stellten Männer weiterhin eine "Zweidrittelmehrheit".

Zunahme der Teilzeitbeschäftigung

  • Im Jahr 2004 war über ein Drittel des wissenschaftlichen Mittelbaus in Teilzeit beschäftigt (ca. 75 % Wissenschaftlerinnen und 25 % Wissenschaftler). Teilzeit beschäftigte Frauen haben signifikant mehr Kinder als teilzeitbeschäftigte Männer, die in 2004 zu fast 90 % kinderlos waren. Teilzeit ist auch in der Wissenschaft ein Phänomen der Frauen.

Unsichere Beschäftigungsperspektiven und Elternschaft
Die befristeten Beschäftigungsverhältnisse haben im Untersuchungszeitraum zugenommen und die unbefristeten abgenommen.

  • Circa 80 % der Wissenschaftler/innen insgesamt war in 2004 befristet, knapp ein Fünftel unbefristet beschäftigt (71 % Männer und 29 % Frauen). Von allen Wissenschaftlern waren  lediglich 19 %, von allen Wissenschaftlerinnen 16% dauerhaft angestellt.
  • Von den befristet Beschäftigten waren insgesamt 79 % kinderlos (82 % der Frauen und 78 % der Männer).
  • Dauerhaft beschäftigte Wissenschaftler haben signifikant häufiger Kinder als dauerhaft beschäftigte Wissenschaftlerinnen und signifikant mehr als befristet beschäftigte. Bei den unbefristet beschäftigten Wissenschaftlerinnen ist der Anteil der Kinderlosen (von 75 % auf 64 %), bei den Wissenschaftlern von 52 % auf 48 % gesunken.

Für den wissenschaftlichen Mittelbau der Universitäten von Nordrhein-Westfalen muss deshalb von einem signifikanten Zusammenhang zwischen unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und Kinderlosigkeit ausgegangen werden.

Die differenzierten Ergebnisse zum wissenschaftlichen Mittelbau – ergänzt durch qualitative Interviews und um die Daten für die Professorenschaft sind veröffentlicht in der Monografie: Sigrid Metz-Göckel / Christina Möller / Nicole Auferkorte-Michaelis: Wissenschaft als Lebensform – Eltern unerwünscht? Kinderlosigkeit und Beschäftigungsverhältnisse des wissenschaftlichen Personals der nordrhein-westfälischen UniversitätenWissenschaft als Lebensform. Opladen, 2008.

Das Forschungsprojekt „Wissen- oder Elternschaft? Kinderlosigkeit und Beschäftigungsbedingungen an Hochschulen in Deutschland“ knüpft nun an diese Ergebnisse an.

Es umfasst die Statusgruppe des wissenschaftlichen Mittelbaus und der Professor/innen und bezieht neben den Universitäten auch das wissenschaftliche Personal der Fachhochschulen ein. Ausgewertet werden die Beschäftigungsdaten auf Bundesebene (für alle Bundesländer). Für sieben ausgewählte Bundesländer werden weitere detaillierte Analysen zum Zusammenhang von Elternschaft bzw. Kinderlosigkeit und Beschäftigungsvariablen vorgenommen.

Veröffentlichungen

Auferkorte-Michaelis, Nicole / Metz-Göckel, Sigrid / Wergen, Jutta / Klein, Annette (2005): Junge Elternschaft und Wissenschaftskarriere. Wie kinderfreundlich sind Wissenschaft und Universitäten? In: Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien, 23. Jg., H. 4, S. 14-23.
Download des Artikels (pdf, 370 kb)

Metz-Göckel, Sigrid / Möller, Christina / Auferkorte-Michaelis, Nicole (2009): Wissenschaft als Lebensform – Eltern unerwünscht? Kinderlosigkeit und Beschäftigungsverhältnisse des wissenschaftlichen Personals aller nordrhein-westfälischen Universitäten. Opladen: Verlag Barbara Budrich (erschienen im November 2008).
Weitere Informationen zur Veröffentlichung...


[1] Das Forschungsprojekt (Laufzeit 2005-2006) wurde finanziert aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung NRW sowie der Universität Dortmund und wurde am Hochschuldidaktischen Zentrum der Technischen Universität Dortmund durchgeführt (vgl. Metz-Göckel/Auferkorte-Michaelis/Klein/Wergen/Möller 2005).

[2] Einbezogen waren die Vergütungsgruppen BAT II und BAT I sowie C1 für den Mittelbau und in einem weiteren Auswertungsschritt die Professuren (C3 und C4).



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